Februar 2002

Pressemitteilung

Spätmittelalterlicher Bergfried in Dachau gefunden

Sensationelle Grabungsfunde in Schloss Dachau

Bei den Aushubarbeiten für eine Fußbodenheizung in Schloss Dachau wurde vermutlich der Kernbereich der spätmittelalterlichen Burganlage gefunden. Bei den Grabungsarbeiten in der Erdgeschosshalle des 1715-17 von Joseph Effner geschaffenen Treppenhauses stießen die Fachleute auf das Fundament eines quadratischen, etwa 8 Meter breiten Baukörpers, der bei über 2 Meter dicken Ziegelwänden einen Innenraum von jeweils 3,60 Meter Wandlänge enthielt. Allem Anschein nach handelt es sich hier um einen spätmittelalterlichen Bergfried, dem wichtigsten Verteidigungs- und Rückzugspunkt einer jeden Burg. 

Außerdem wurden in der westlichen Schlossecke zahlreiche Tonscherben gefunden. Reste von Renaissance-Kachelöfen, ein Tonmodel für eine Platte und die Büste eines Renaissance-Herren. Ob hier wertvolle, damals unmodern gewordene und dann nicht mehr geschätzt Kachelöfen bei früheren Umbauarbeiten oder erst um 1715 bei der barocken Erneuerung beseitigt wurden, lässt sich noch nicht genau bestimmen. 

Die für die Grabungsarbeiten zuständige Bayerische Schlösserverwaltung wird den Bauzaun im April mit dem Abschluß der Grabungsarbeiten abbauen lassen. Durch die Arbeiten werden weder die Nutzung des Festsaales, noch der Betrieb des Schlossrestaurants und die Parkplatzfreiheit eingeschränkt.


Hier ein Bericht von Ernst Götz (Bauabteilung), dem seitens der Bayerischen Schlösserverwaltung zuständigen Betreuer der Grabungsarbeiten:

Von der mittelalterlichen Burg zum Schloss

Bauarbeiten für eine Bodenheizung im Schloss Dachau brachten überraschende Funde an den Tag

Wer für längere Zeit an einem Ort lebt, dort womöglich geboren ist, möchte wahrscheinlich ein wenig über dessen Geschichte, gar seine Entstehung erfahren. Die Stadt Dachau ist, dies zeigt bereits ihr Stadtbild, ein solch historisch bedeutsamer Ort, der Interesse daran zu wecken vermag. Bereits 805 wurde er erstmals urkundlich erwähnt. Im hohen Mittelalter lebten hier Grafen von Dachau, und spätestens 1183 ist der Ort als Nebenresidenz der Wittelsbacher Herrscher Altbayerns bezeugt.

Immer wieder stellte sich die Frage, wo sich einerseits der älteste Siedlungskern, andererseits die Lage der landesherrschaftlichen Burg befand. Beide, so sagen die Forscher unzweideutig, befanden sich im unteren Bereich der heutigen Altstadt, die erst allmählich den Berg hinaufgewachsen ist, um mit der Pfarrkirche St. Jakob einen neuen Mittelpunkt zu finden, der noch von dem Renaissanceschloss überragt wurde.

Das sich außen heute in barocker Gestalt präsentierende Dachauer Schloss ging eindeutig aus einer spätmittelalterlichen Burg hervor, die ab 1403 auch schriftlich nachgewiesen ist.

Stellen wir uns die damalige topographische Situation vor: Der zur Amper steil abfallende Geländesporn besaß sowohl zum Markt und zum Bereich des erst später terrassierten Gartens hin sanftere Abhänge. Vor allem aber war die westliche Seite verhältnismäßig flach geneigt, dort, wo der heutige Parkeingang liegt.

Eine Höhenburg, die einerseits die feuchte Amperniederung und die an ihrem Rand verlaufenden Straßen schützen und überwachen sollte, andererseits Schutz vor Feinden zu bieten hatte, musste an den flachsten Stellen des Berges besonders fest gebaut sein, während über den kaum gefährdeten Steilhängen eher die eigentlichen Wohntrakte stehen konnten. Die Zugänge, die natürlicherweise ebenfalls an sanft geneigten Stellen des Hügels anzulegen waren, sollte man besonders gut überblicken und verteidigen können.

Aus all dem Gesagten bildete vor einigen Jahren die Entdeckung der Reste eines Rundturms an der westlichen Ecke des heutigen Schlossgebäudes keine allzu große Überraschung . Kanalarbeiten und das anschließende Herrichten der oberen Gartenterrasse legten Ziegelmauerwerk von 1,30 Meter Dicke frei, das übrigens in dem kleinen Schlosskeller unter dem großen Barocktreppenhaus seit eh und je zu sehen war. Als sich 1998 in diesem Bereich auch im aufgehenden Mauerwerk feine Risse auftaten, konnte nachgewiesen werden, dass Reste dieses Rundturms bis in die Höhe des Obergeschosses der Treppenhalle in den Wänden stecken.

Bereits bei der Wiederherstellung des prächtigen Festsaales im Schloss war 1977 den Bau-Verantwortlichen aufgefallen, dass seine Stirnwände weitestgehend aus spätmittelalterlichem Ziegelmauerwerk bestehen. Der große Renaissanceraum und die darunter liegende Gartenhalle waren seit 1564 offensichtlich dadurch entstanden, dass der bayerische Herzog Wilhelm IV eine Baulücke zwischen älteren Trakten ausfüllen ließ. Damit setzte er das Werk seines Vaters Albrecht V. fort, der bereits in der Jahrhundertmitte begonnen hatte, aus der Burg durch Um- und Ausbaumaßnahmen ein möglichst regelmäßig gegliedertes Renaissanceschloss erwachsen zu lassen.

Wie es auf dem Schlossberg zuvor aussah, war bisher weitestgehend unbekannt. Alleine eine winzige Abbildung verrät ein wenig davon. Der Holzschnitt auf einer der berühmten Landtafeln des Philipp Apian, um 1550 herausgegeben, zeigt immerhin zwei Gebäudetrakte mit steilen Satteldächern über dem Steilhang zur Amper hin, einer Schildmauer dazwischen und einem alles überragenden Viereckturm. Bei aller Bescheidenheit der Bildchen auf dem frühesten bayerischen Kartenwerk und der immer wieder gestellten Frage, ob etliche der Apian'schen Holzschnitte seitenverkehrt abbilden, gelten sie doch als ziemlich zuverlässig.

Dies scheint sich jetzt zu bestätigen. Seit einigen Wochen gibt es neue Erkenntnisse zur Schlossgeschichte, die geradezu als sensationell bezeichnet werden können. Freilich, eine sorgfältige Auswertung steht noch bevor, auch müssen alle früheren und womöglich künftige Beobachtungen genau verglichen werden, ehe Endgültiges ausgesagt werden kann.

Im Rahmen des Bauunterhalts am Schloss, der jeweils nach Kalenderjahren eingeteilt und abgerechnet werden muss, begannen Anfang Januar zugunsten einer Fußbodenheizung die Aushubarbeiten im Vestibül, also der Erdgeschosshalle des 1715-17 von Joseph Effner geschaffenen Barocktreppenhauses. Dass dabei ältere Fundamente gefunden würden, war erwartet worden. Die Überraschung bezog sich auf deren Umfang und Wichtigkeit. So ließen die Bayerische Schlösserverwaltung und das für sie arbeitende Staatliche Hochbauamt München I die Grabarbeiten weitestgehend ohne Maschineneinsatz durchführen, vor allem aber die beiden erfahrenen Bauforscher Lohr und von Sachsenheim alles Interessante freilegen und dokumentieren. Sie setzen jetzt damit jene Untersuchungen fort, die vor zwei Jahren im Küchenbereich der Gaststätte und in der großen Mittelhalle begonnen und bereits dort wertvolle Erkenntnisse gezeitigt hatten. Im bestehenden Gebäude, das bekanntlich nur der Rest des einst viel größeren Schlosses ist, ist hiermit nun die gesamte Bodenfläche bauhistorisch erforscht.

Was sagen die neuesten Befunde aus? Geht man von den vorbeschriebenen Kenntnissen und Vermutungen aus, so spricht viele dafür, dass jetzt der Kernbereich der spätmittelalterlichen Burganlage entdeckt wurde. Von allergrößter Bedeutung ist das Fundament eines quadratischen, gut 8 Meter breiten Baukörpers, der bei reichlich 2 Meter dicken Ziegelwänden einen Innenraum von jeweils 3,60 Metern Wandlänge enthielt. Allem Anschein nach, auch bezüglich der Gründungstiefe im festen Lehmboden des Schlossberges, ist hiermit der bei Apian abgebildete Bergfried entdeckt, höchster, wichtigster Verteidigungs- und Rückzugspunkt jeder Burg. Im Abstand von gut 2 Metern stehen die Reste einer vielleicht gleich alten, nur 80 cm starken Mauer, die, stünde sie noch in voller Höhe, die untere Treppenhalle in ihrer Mitte querteilen würde.

Etwas rätselhaft erscheint eine durchschnittlich 1,80 Meter dicke schräg in nord-südlicher Richtung verlaufende Mauer, denn sie wurde einstmals in lauter kleinen Abschnitten errichtet. Trotz ihrer Stärke sitzen an ihr nach außen zu mehrere Stützpfeileransätze, während eine vielleicht zu einer Toilettenableitung gehörende kleine Außennische ihre Massivität ein wenig schwächte. Besitzen wir in dieser Mauer eine einstige Schildwand gegen eventuell angreifende Feinde? Ihr Verlauf, der sich nach einer Abknickung in der heutigen terrassenseitigen Längswand des Schlosses fortsetzt, lässt dies vermuten. Aber auch diese unten ebenfalls extrem starke Längswand verrät verschiedene Bauabschnitte, deren Bedeutung erst in abschließender Auswertung aller Funde erschlossen werden kann.

Der gut 3 Meter entfernte, längst bekannte Rundturmrest, an den sich eine annähernd parallele Mauerverlängerung nordwärts anschließt, könnte sich als Teil einer Außenbefestigung an dieser flachsten, zugleich höchstgelegenen Stelle des Schlossberges erklären lassen.

Zwischen den gefundenen, wohl mittelalterlichen Mauern liegen die Reste mehrerer Kellerräume, die untereinander und vom noch bestehenden Kellergewölbe aus zugänglich waren. Ihre unterschiedlich hoch gelegenen Böden besitzen noch heute ihr originales Ziegelpflaster. Ziemlich eindeutig gehören diese Baufragmente, die man eventuell auch künftig in einer noch auszudenkenden Form zugänglich oder sichtbar machen kann, zu den Ausbauphasen des Renaissancebaues des mittleren 16. Jahrhunderts. Gleichfalls entstammen jenen Jahrzehnten sehr kräftige Stümpfe von Rundstützen, deren Durchmesser von 1,40 Meter verrät, dass sie Gewölbe trugen. Die Halle hier war dreischiffig angelegt, die vor 2 Jahren ebenfalls in Rundpfeilerstümpfen nachgewiesene gewölbte mittlere große Gartenhalle zweischiffig.

Von größtem Interesse war die Tatsache, dass bei Aufgabe des äußeren Rundturms die heutige westliche Schlossecke winkelförmig einfach in diesen hineingebaut wurde. Die alte Innentür wurde vermauert, in den Hohlraum füllte man Mengen von Scherben von nicht mehr gebrauchten Öfen und womöglich weiteren Ausbauteilen. Ob hier wertvolle, damals unmodern gewordene und dann nicht mehr geschätzte Kachelöfen bereits bei früheren Umbauten oder erst um 1715 bei der barocken Erneuerung Effners "entsorgt" wurden, lässt sich einstweilen noch nicht klar bestimmen. Dazu sind noch Nachforschungen durch Spezialisten erforderlich.

Schon jetzt ist der Tonscherbenfund als bedeutend einzustufen. Immerhin fanden sich, leider immer beschädigt, Reste von sehr feinen Renaissance-Kachelöfen, dazu sogar eine Tonmodel für eine Platte mit weihnachtlichem Motiv. Was drei winzige Köpfchen neben dem Rest eines Ziegeldachmotivs, das alles wie Teil eines puppenstubenartigen, übrigens farbigen Tonmodells wirkt, gibt weitere Rätsel auf. Und wer war dieser feist-dicke Herr, dessen Kleinbüste zutage trat? Sein in Ton modelliertes Gewand mit breitem Pelzkragen, einer Kette und sonstigen Zeichen von adeliger Prachtentfaltung erwecken den Eindruck, als sei dieses Figürchen die Karikatur eines Renaissanceherrschers. 

Noch manches Detail brachte die Grabung ans Licht, so auch eine Kalkgrube, die beim Schlossumbau im früheren 18. Jahrhundert benutzt wurde.

Alles in allem sind die Kenntnisse über die Geschichte des Dachauer Schlosses und damit der Geschichte des gesamten Gemeinwesens enorm gewachsen. Diese Funde unbeobachtet zu lassen, wäre später als unverantwortliche Leichtfertigkeit im Umgang mit historischer Substanz verurteilt worden. Die zuständige staatliche Schlösserverwaltung, die seit Jahrzehnten immer wieder an baulichen Verbesserungen und Verschönerungen des Schlosses tätig war, veranlasste auch diese Untersuchungen. Sie appelliert zugleich an die Bevölkerung und die Nutzer des Festsaals um ein wenig Geduld, wenn bis April dieses Jahres außen ein kleiner Bauzaun, innen vielleicht noch kurzzeitig ein provisorischer Vestibülboden zu ertragen sein werden. Immerhin, weder die Saalnutzung, die Parkplatzfreiheit noch der volle Betrieb des Schlossrestaurants sind auf irgend eine Weise eingeschränkt.

Als Gewinn ist zu verbuchen, wenn nun das Schloss, das nach Abbruch von zwei Dritteln seiner Baumasse in den Jahren 1806-09 nur noch einen Torso darstellt, dennoch umso mehr als äußerst kostbares und ohnehin sehr schönes Kulturdenkmal im Ensemble des alten Dachau gesehen werden kann.

Sollte in den nächsten Jahren vielleicht der Schlossplatz noch neu gestaltet werden, so sind auch dort interessante historische Funde zu erwarten. Dann könnte der Zeitpunkt kommen, zu dem sich alle Untersuchungsergebnisse der verschiedenen Grabungsphasen zu einem deutlichen ganzheitlichen Geschichtsbild schließen lassen.


Pressemitteilung Februar 2002

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