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14. November 2025

Pressemitteilung

Glanzvolle Wiederkehr – Historische Wandgestaltung im „Bellotto-Raum“ der Kurfürstenzimmer wiederhergestellt

Es sind wohl die drei berühmtesten Ansichten Münchens: Die Veduten von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, zeigen die Stadt vom Münchner Gasteig aus sowie zwei Darstellungen des Schlosses Nymphenburg. Nun sind die Gemälde in der Residenz München wieder in jenem repräsentativen Rahmen zu bewundern, für den sie 1761 geschaffen wurden. Die Bayerische Schlösserverwaltung ließ die historische Wandvertäfelung im Zweiten Vorzimmer des kurfürstlichen Appartements aufwändig rekonstruieren. Nach Jahren intensiver Planung und Restaurierung können Besucherinnen und Besucher der Residenz München das außergewöhnliche Raumkunstwerk mit den drei monumentalen München-Ansichten Canalettos nun wieder in seiner ursprünglichen Eleganz erleben.

Bellotto: ein Meister der Perspektive für den Münchner Hof

Der berühmte Venezianer Bernardo Bellotto (1722–1780), Neffe und Schüler des legendären Giovanni Antonio Canal, war einer der gefragtesten Vedutenmaler seiner Zeit. Für die großen Höfe Europas – in Dresden, Wien, Warschau und London – schuf er Stadtansichten von bestechender Schönheit und Präzision. 1761 hielt er sich fast ein Jahr in München auf, wo im Auftrag Kurfürst Max' III. Josephs drei großformatige Gemälde entstanden: die Ansicht der Residenzstadt über die Isar hinweg vom Gasteig aus sowie zwei Darstellungen des Sommerschlosses Nymphenburg mit Park und Auffahrtsallee.

Bellotto arbeitete mit höchster technischer Raffinesse: Er nutzte die Camera obscura, errichtete in Nymphenburg ein rund 15 Meter hohes Gerüst für seine Vorzeichnungen und komponierte seine Ansichten durchdacht. Doch seine Münchner Veduten sind weit mehr als naturgetreue Wiedergaben der sichtbaren Wirklichkeit: Vielmehr erweisen sie sich bei genauer Betrachtung als sorgsam manipulierte Kompositionen von hoher künstlerischer Raffinesse – mit mehreren Fluchtpunkten, idealisiertem Lichteinfall und künstlerisch arrangierten Details – sie lassen Schloss und Stadt im wörtlichen Sinne im besten Licht erstrahlen!

Höfischer Glanz, Zerstörung und Wiederaufbau

Die Gemälde waren ursprünglich Teil der kostbaren Ausstattung der Kurfürstenzimmer, die Max III. Joseph ab 1746 unter Leitung von Johann Baptist Gunetzrhainer neu gestalten ließ. Etwa fünfzehn Jahre später erhielt Hofarchitekt François Cuvilliés d. Ä. den Auftrag, die Räume erneut zu überarbeiten. Im Zuge dieser Umgestaltung entstand der elegante architektonische Rahmen für Bellottos Gemäldeensemble: raumhohe, weiß gefasste Holzvertäfelungen mit feinen Vergoldungen, in die die prächtigen Rokokorahmen bündig eingefügt waren. Auf diese Weise verbanden sich Architektur, Wandvertäfelung und Gemälde zu einem harmonisch abgestimmten Raumkunstwerk.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kurfürstenzimmer zerstört; die ausgelagerten Bellotto-Gemälde überstanden die Bombardierungen glücklicherweise unbeschadet. Beim Wiederaufbau stellte man bis 1966 die zerstörte Raumfolge verändert als Rokoko-Stilräume wieder her, verzichtete jedoch auf die aufwendige hölzerne Wandverkleidung und ersetzte sie durch eine textile Wandbespannung. Damit ging jedoch ein wesentlicher Aspekt höfischer Raumkunst verloren – jene sorgsam instrumentierte Inszenierung von Materialität und Pracht, die einer Strategie der inszenierten Steigerung von Eindrücken folgte und einen zunehmenden Ausstattungsluxus offenbarte, je mehr man sich dem Herzen der fürstlichen Wohnung näherte.

Originalgetreue Rekonstruktion mit handwerklicher Meisterschaft

Der Wunsch, Bellottos Gemälde in ihrem originalen Kontext zu zeigen, entstand bereits anlässlich der großen Bellotto-Ausstellung 2014 in der Alten Pinakothek. Dank gezielter Spenden und begleitender Forschung konnte nun eine handwerklich beeindruckende Wiederherstellung der verlorenen Wandvertäfelung realisiert werden.

Grundlage bildeten historische Fotografien, die eine Nachbildung ermöglichten. Dabei wurde auf bestehende Elemente, wie die Supraportengemälde Joseph Stephans von 1765, besondere Rücksicht genommen.

Die Kunstschreinerwerkstätte des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung fertigte die gesamte Wandvertäfelung in Eigenleistung: aus ausgewähltem massiven Tannenholz mit stehenden Jahresringen, das besondere Formstabilität garantiert. Anschließend übernahm eine spezialisierte Kirchenmalerfirma die Fassung und Vergoldung.

In aufwendiger traditioneller Handwerkstechnik entstanden auf bis zu zehn Schichten aus Kreidegrund und Poliment klassische Polimentvergoldungen mit rund 3000 Blatt Gold sowie Weißfassungen, deren Struktur und Farbigkeit perfekt an den Bestand der 1960er-Jahre angepasst wurden. Allein am Rundbogen der Westwand waren mehr als 15 Schichten erforderlich, um die ornamentale Gravur originalgetreu zu rekonstruieren. Insgesamt wurden über 220 laufende Meter Profilleisten in goldenen Glanz getaucht und 59 Quadratmeter Weißflächen neu gefasst.

Ein wiedererstandenes Raumkunstwerk

Mit Abschluss der Arbeiten im Oktober 2025 präsentiert sich das kurfürstliche Appartement als ein weitgehend authentisches Zeugnis höfischer Wohn- und Repräsentationskultur des 18. Jahrhunderts. Bellottos drei Veduten, die heute zu den kostbarsten Gemälden des Residenzmuseums zählen, sind damit endlich wieder so zu sehen, wie sie einst ihre Wirkung entfalten sollten – in einem harmonischen Zusammenspiel von Architektur, Malerei und Handwerkskunst. Nun kehrt nicht nur ein Beispiel erlesener Raumkunst des Rokoko, sondern auch ein Stück Münchner Kulturgeschichte zurück – ein bedeutender Gewinn für die Kunstlandschaft Bayerns.

Das Zweite Vorzimmer der Kurfürstenzimmer ist ab sofort im regulären Rundgang des Residenzmuseums (Raum 23) zu besichtigen.

Weitere Informationen zur Residenz München finden Sie unter: www.residenz-muenchen.de

Presse-Informationen:
Ines Holzmüller, Florian Schröter und Franziska Wimberger
Pressestelle der Bayerischen Schlösserverwaltung
Telefon 089 17908-180 und -160, Fax 089 17908-190, presse@bsv.bayern.de


Pressemitteilung 14. November 2025