Inhalt:

Präventive Konservierung im Restaurierungszentrum der Bayerischen Schlösserverwaltung

Im Jahr 2006 wurde erstmals in der Bayerischen Schlösserverwaltung ein eigenes Fachgebiet Präventive Konservierung mit zwei Mitarbeitern eingerichtet. Diese Entscheidung folgt der enorm gestiegenen Bedeutung vorbeugender Maßnahmen zum Schutz von Kulturgut.


Dass der Verfall natürlicher Materialien durch ungünstige Umgebungsbedingungen, wie Licht, übermäßige Feuchtigkeit und Trockenheit beschleunigt wird, weiß man seit Jahrhunderten. Wertvolles Mobiliar mit Textilbezügen wurde früher mit Houssen abgedeckt, empfindliche textile Wandbespannungen mit Vorhängen geschützt, Klappläden an den Fenstern verdunkelten die Räume bei Nichtgebrauch. Die Idee der Schadensvermeidung, die hinter der Präventiven Konservierung steht, ist nicht neu, hat aber in den letzten Jahren wesentlich an Bedeutung gewonnen. Schadensprävention soll vorbeugen statt heilen, hilft Restaurierungen zu vermeiden und stellt insofern ein sehr kosteneffektives Mittel der Sammlungspflege dar – in Zeiten knapper Kassen auf dem Kultursektor ein starkes Argument. Die Erkenntnis, dass mit einer Restaurierung niemals der Originalzustand wiederhergestellt werden kann, fördert die Wertschätzung unrestaurierter Objekte. Als dritter Faktor für den größeren Stellenwert der Präventiven Konservierung gilt die Nachhaltigkeit, die grundsätzliche Verantwortung der heutigen gegenüber dem Wohl künftiger Generationen, die heute auch auf Kulturgüter bezogen wird.

Wer sich mit Präventiver Konservierung befasst, hat vor allem die Aufgabe eines kritischen Beobachters. Er muss den Zustand eines Gebäudes oder den eines Kunstwerks bewerten und die Ursachen für unerwünschte Veränderungen, aber auch potenzielle Gefahren, erkennen können. Die Schadensursachen lassen sich systematisch unterteilen in physikalische Kräfte, Feuer, Wasser, Kriminalität, Schädlinge, Schadstoffe, Licht, falsche Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie Vernachlässigung und mangelnde Sorgfalt. Sind sie im einzelnen identifiziert, gilt es Prioritäten für die Schaffung besserer Rahmenbedingungen zu setzen und diese sukzessive herzustellen (Risikomanagement).

Ein grundlegendes Merkmal der Präventiven Konservierung ist ihre interdisziplinäre Ausrichtung. Erforderlich ist nicht nur die Zusammenarbeit von Fachrestauratoren unterschiedlicher Spezialisierung, sondern vielmehr die Teamarbeit all jener, die mit der Kulturguterhaltung im weitesten Sinne betraut sind – von den Direktoren bis hin zur Reinigungskraft. Notwendig ist außerdem die fachkundige Beratung durch Experten aus den Bereichen der Denkmalpflege, der Bauphysik, der analytischen Chemie und der Biologie.

Aufgabenschwerpunkte der Präventiven Konservierung:

Pflegeprogramm

Die Reinigung der Schlossausstattung erfordert ein besonders sensibles Vorgehen. Häufig verwechseln ungeschulte Reinigungskräfte erhaltenswerte Altersspuren mit Schmutz oder verwenden – mit besten Absichten – zu aggressive Reinigungsmittel. Gelegentlich sind Farb- oder Goldauflagen nur noch schwach mit dem Träger verbunden, so dass ein unbedachtes Abwischen hier einem Abkehren des Dekors gleich käme. Das Pflegeprogramm sieht eine Reinigung von Schlossräumen durch Restauratoren vor. Sie entfernen vorsichtig die Staubschichten und anderen Schmutz, bevor sie zu schlecht löslichen Krusten werden und als Nährboden für Schädlinge und Mikroorganismen dienen können.

 

Lichtschutzkonzepte

Licht ist für die Wahrnehmung der Umgebung unverzichtbar, zugleich birgt es ein hohes Schädigungspotenzial – insbesondere das Tageslicht. Da die Schlösser häufig noch historische Fenster besitzen und das Tageslicht aus ästhetischen Gründen nicht ganz ausgeschlossen werden kann, muss in der Regel ein individuell angepasster Lichtschutz installiert werden. Dabei sind sowohl historische Gestaltungszusammenhänge zu berücksichtigen – etwa der Sichtbezug nach außen – als auch die Forderung nach Reversibilität der Eingriffe. Diesen Anforderungen genügt oftmals die Kombination eines durchscheinenden Screengewebes mit einer hängend montierten UV-Schutzfolie. Außerhalb der Besucherzeiten sollten außerdem – sofern vorhanden – die Fensterläden geschlossen werden, um die Dauer des Lichteinfalls zu begrenzen.

Klima

Viele Kunstwerke reagieren auf die Veränderung der Temperatur und Luftfeuchtigkeit in ihrer Umgebung indem sie sich ausdehnen oder zusammenziehen. Schäden können vor allem dann entstehen, wenn Schwankungen regelmäßig wieder auftreten bzw. das Klima dauerhaft zu trocken oder zu feucht ist. Das Raumklima wird daher mit Messgeräten überwacht. Auf speziellen Trommelschreibern (Thermohygrographen) lässt sich der Verlauf des Raumklimas zwar gut ablesen und dokumentieren, es ist jedoch eine Betreuung der Geräte vor Ort erforderlich. Um eine zentrale Klimaüberwachung zu ermöglichen, wurden in mehreren Schlössern in Bayern elektronische Messsysteme eingeführt. Die unauffälligen Messfühler wurden in unmittelbarer Nähe zu empfindlichen Kunsterwerken oder an kritischen Stellen im Wandgefüge (Kondenswasserbildung) angebracht . Die gewonnen Daten können so per Fernabfrage in München ausgewertet werden.

Der Klimastabilisierung in historischen Gebäuden sind enge Grenzen gesetzt. Der Einbau einer Klimaanlage oder der Ersatz historischer Fensterscheiben durch Isolierglas sind schwer mit denkmalpflegerischen Ansprüchen zu vereinbaren. Stattdessen wird versucht, mit mobilen Geräten zur Klimaregulierung und einer wetterabhängigen Lüftungsregie, die Klimasituation zu optimieren. Durch Forschungsprojekte mit verschiedenen Kooperationspartnern, beispielsweise dem Fraunhofer Institut für Bauphysik, wird an der Entwicklung weiterer denkmalpflegerisch vertretbarer Lösungen gearbeitet.

 

Notfallplanung

Die meisten Schlösser und Residenzen sind mit originalen, sehr wertvollen  Kunstwerken ausgestattet. Die Planung zur Bergung von Kulturgut bei Katastrophen hat große Bedeutung, um im Notfall Schäden so gering wie möglich halten zu können. Anfang 2016 wurde im Fachbereich Präventive Konservierung des Restaurierungszentrums eine Position eingerichtet, die sich schwerpunktmäßig mit dem Kulturgutschutz im Notfall in den Liegenschaften der Schlösserverwaltung befasst.

Für die Bayerische Schlösserverwaltung sind vor allem zwei Notfallszenarien relevant:
Zunächst das Wahrscheinlichere - der Wasserschaden, hervorgerufen z.B. durch ein undichtes Dach, Unwetter oder eine undichte Wasserleitung. In diesem Fall muss das Personal vor Ort agieren und daher entsprechend geschult und ausgestattet werden.

Im zweiten Szenario, dem Brandfall, z.B. ausgelöst durch Blitzeinschlag oder Kabelbrand, wird das Kulturgut von der Feuerwehr geborgen, denn Zivilisten haben dann keinen Zugang mehr zum Gebäude. In diesem Fall unterstützen die Mitarbeiter der Schlösserverwaltung die Feuerwehr mit Informationen zum Gebäude und übernehmen die Erstversorgung der geborgenen Kunstwerke, bis die Fachrestauratoren aus dem Restaurierungszentrum übernehmen. Alle für die Feuerwehr relevanten Informationen werden in Laufkarten zusammengefasst und in einem Notfall-Ordner hinterlegt. Das Erstellen des Ordners erfordert einige Vorplanung. Zuallererst muss eine Abstimmung mit der örtlichen Feuerwehr erfolgen. Kulturgutrettung ist in den allermeisten Fällen Neuland für die Feuerwehr, Aufgaben und Umfang müssen klar kommuniziert werden. Anschließend wird mit verschiedenen Bereichen innerhalb des Hauses zusammengearbeitet, beispielsweise mit der Museumsabteilung um die Priorisierung der Kunstwerke im Falle einer Notfallbergung festzulegen, oder mit den Fachbereichen des Restaurierungszentrums um die Montagen bzw. Demontagen der Objekte zu klären.  Wenn auch nicht immer durchführbar empfiehlt sich dennoch, abschließend eine Übung zusammen mit der Feuerwehr abzuhalten, um eventuelle Lücken in der Planung schließen zu können.

Für beide Szenarien, Wasserschaden und Brandfall, werden in den Liegenschaften der Bayerischen Schlösserverwaltung spezielle Material vorgehalten, die für den Notfall hilfreich sind.

Broschüre „Umgang mit Kunst und Kultur im Notfall“


 
Inhalt ausblenden
Inhalt einblenden
Kontraste erhöhen
Standard verwenden